Pfarrkirche Hll. Viktor & Markus

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Frühe christliche Aktivitäten gab es mehrfach im Walgau; denken wir an Nenzing und Bludesch, so ist auch der Weg nach Nüziders nicht weit entfernt davon. Man kann davon ausgehen, dass die ältesten Teile der jetzigen Pfarrkirche noch gegen Ende des 15. Jahrhunderts auf oder über dem Fundament eines Vorgängerbaues stehen. Ein solcher Vorgängerbau führt zur Nennung im rätischen Güterverzeichnis von 842 und dies wiederum bedeutet, dass ein solcher Kirchenbau in das 7. bzw. 8., spätestens in das 9. Jahrhundert anzusetzen ist. Das ließe sich jedoch nur archäologisch nachweisen - solche Untersuchungen bzw Grabungen haben jedoch bei der Pfarrkirche nicht stattgefunden; die sog. Hofkirche zum Hl. Vinerius wird seit dem Grabungsergebnis von 1967 in das Frühmittelalter datiert.

Das mit der Mutterkirche für den Walgau ist da eine andere Geschichte. Im rätischen Güterverzeichnis [1] auf Seite 379/380 steht zu lesen: "In villa Nezudere quam Haltmannus est curtis dominica quae habet ..." Und dann folgt weiter - zwischen Thüringen und Ludesch eingeflochten - der Hinweis: "... Est tibi mater ecclesia, quam Adam habet cum decima de illa villa." Dazu meint Zech, [2] indem er Ulmer zitiert, [3] dass sich die Bezeichnung "Est ibi" auf die "curtis dominica in Nezudere" beziehe und daher die Mutterkirche (mater ecclesia) in Nüziders zu suchen sei und nicht in Thüringen. Das ist eine Meinung, die jedoch nicht zutreffen mag: für Nezudere wird ein Haltmannus als Lehensträger genannt, während der - vielleicht - eingeschobene Hinweis über die mater ecclesia als Lehensträger einen Adam(us) nennt. Einen Adam finden wir auch in Flumina (Flums) und den Adamari in Meilis (Mels); das ist wahrscheinlich dieselbe Person als Lehensträger wie jener Adam in Nezudere. Ein Zusammenhang d.h. eine quasi-Identität mit dem Lehensträger Haltmannus jedoch erscheint so nicht gegeben - das sind zwei durchaus verschiedene Personen; daher ist auch der Besitz nicht ident also beide Lehen im gleichen Besitz. So gesehen, ist die zitierte mater ecclesia auch nicht Mutterkirche für die Walgaupfarreien Bludenz, Ludesch, Thüringen und Nenzing. [4] Das erscheint für den Raum Klostertal mit Innerbraz, Dalaas und Klösterle gegeben zu sein, was aber noch nicht bestätigt, dass die Eintragung unter Turinga (Thüringen) die richtige sei; das Güterverzeichnis in der Abschrift von Tschudi ist zwar eine äußerst wichtige, im Einzelfall dennoch teilweise fehlerhafte und von Tschudi selbst ergänzte Abschrift des Dokumentes von 842.

Dennoch bleibt unbestritten, dass auch das Dorf Nüziders - eben das Nezudere aus 842 mit einem großen Königshof - zu den ältesten Siedlungen im Walgau zählt. 1954 wurden im Zuge der Öffnung des Presbyteriumbodens die Grundmauern von zwei Apsidenbögen erfasst; nach Auffassung des BDA könnten dies die Überreste einer frühen Anlage sein, welche jedoch weder archäologisch noch in ihren Detailmaßen erfaßt und dokumentiert wurden. Die Meinung, dass diese Fundamentreste einer Bauperiode zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert zugerechnet werden könnten, wird mangels Kenntnis von Apsisbogendurchmesser und Fundamentmauerstärke zwar nicht gestützt, ist aber auch nicht ausgeschlossen. Der älteste Teil der heutigen Kirche ist das Mauerwerk des Chores, welches der spätromanischen Bauphase angehört und damit in das frühe 14. Jahrhundert datiert.

Nach 1485 - das ist im Zusammenhang mit der Urkunde über eine Frühmesspfründe "St. Vitter" - wird das Langhaus erstmals nach Westen verlängert; 100 Jahre später noch bezeichnet das Visitationsprotokoll von 1595 [5] die Kirche als "templun satis augustum et decisum" ("ziemlich kleines und beengtes Gotteshaus"); das spricht nicht für eine sehr alte und für ihre Zeit große Vorgängerkirche, welche der zweiten Bauphase (14. Jhdt.) zugrunde liegt. Auch dadurch wird die Vision einer großen "mater ecclesia" nicht bestätigt. Das Langhaus wird gegen Ende des 17. Jahrhunderts wieder etwas erweitert, die gotischen Spitzbogenfenster verlängert und ein "Vorzeichen" errichtet. 1824 wird südseitig die Sakristei angebaut; 1826 wird der bestehende alte Turm an der Westseite abgebrochen und an der Nordseite neben der alten Sakristei höher als ursprünglich geplant neu aufgebaut. 1826/27 wird das Langhaus nochmals nach Westen verlängert und die westliche Aussenfassade in neoklassizistischem Stil neu gestaltet. Sie erhält einen Dreieckgiebel auf einem kräftigen Gesims, welches von zwei Pilastern getragen wird. Der Segmentbogen umfasst ein Mosaik mit einem Pfauenmotiv. Diese "bildhafte Erscheinung" ist einmalig in der Vorarlberger Kirchenarchitektur. Innenrestaurierungen erfolgen 1913, 1954 und 1975; die bisher letzte und gleichzeitig jüngste Gesamtrestaurierung - innen und aussen - wurde 1999/2000 abgeschlossen. Dabei wurden von Herbert Albrecht Volksaltar und Ambo aus rotem persischen Travertin völlig neu gestaltet.

Mehr zur Kirche im DEHIO. [6]
  1. Bündner Urkundenbuch I. Band 390 - 1199, Chur 1955
  2. Otto Zech, Christentum vom Römischen Imperium bis heute - in: Geschichte der Pfarre Nüziders, Hsg. Armin Spalt, Nüziders 2000, Seite 22
  3. Ulmer, Andreas: Topographisch-historische Beschreibung des Generalvikariates Vorarlberg, Band VIII Dekanat Bludenz [ehemals Dekanat Sonnenberg], I. Teil, Dornbirn 1971
  4. Otto Zech, in: Geschichte der Pfarre Nüziders, Seite 129/130
  5. bez. Chur A.M. 250
  6. DEHIO VORARLBERG, Wien 1983, Seite 328