Pfarrkirche Hl. Jakobus d.Ä.

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Die Pfarrkirche zum Hl. Jakobus d.Ä. in Bludesch hat eine lange Geschichte. Im rätischen Güterverzeichnis von 842 wird das Dorf Bludesch "in villa Pludassis. Ecclesia cum decima de ipsa villa" (in Bludesch eine Kirche mit dem Zehent von diesem Dorf) so wie andere Walgauer Kirchenplätze erwähnt. Die erste Kirche war möglicherweise - ähnlich der Nikolauskirche - ein gemauerter Betraum, mit einer flachen Balkendecke überdacht. Sie besaß jedenfalls auch einen gemauerten Turm, welcher sich in der zweiten Ebene (das ist der 2. Stock) mit gotisch gekuppelten Schallöffnungen darstellt, die im Zuge des Neubaues 1651/52 von außen vermauert wurden; im Turminneren sind sie als Nischen noch deutlich sichtbar. [1] Diese Kirche hatte sich schon längst als nicht mehr zweckentsprechend und zu klein erwiesen; die Sakristei wurde als "dunkel und eher einem Kerker vergleichbar" geschildert, die Kirche selbst als "uralt und baulos" [2] So kam es 1650 zum Auftrag an den Begründer der "Auer Zunft", den Bregenzerwälder Baumeister Micheal Beer von Au, für den Neubau der Pfarrkirche in Bludesch unter der Patronanz von Landvogt Rudolph von der Halden zu Haldenegg. [3]

Die Baumeistergruppe des Bregenzerwaldes, wie sie im 17. Jahrhundert den Übergang von der späten Gotik zum Barock vollzieht, beginnt mit dem in Au-Argenau geborenen Michael Beer (* ~1605 + 1666). Der Typus der Wandpfeilerkirche wurde zwar nicht von der 1651 gegründeten „Auer Zunft“ erfunden, doch ist deren Entwicklung und Bedeutung aufs engste mit den Bregenzerwälder Barockbaumeistern verbunden. Die Grundidee der spätgotischen Wandpfeilerkirche stützt sich auf zwei Ausdrucksformen: den bereits im 16. Jahrhundert vollzogenen Übergang von der Zweiturmfassade zur Einturmarchitektur und die Auflösung des romanischen Tonnengewölbes zum auf Wandpfeiler gesetztem Kreuzgrat- und Kreuzrippengewölbe.

Grundidee der Wandpfeilerkirche war, die bis dahin am Außenbau angesetzten Strebepfeiler in den Innenraum hinein zu integrieren: hier wurden sie als Wandzungen wahrgenommen und mehr zum eigentlichen Pfeiler entwickelt. In der Verlängerung dieser Wandpfeiler konnten deren Seitenwände weiter nach innen ragen: so ergab sich zwar ein einschiffiger Hauptraum, der an beiden Seiten von mit Quertonnen überwölbten Seitenräumen flankiert wird. Mit der neuen Gliederung ergab sich eine Verräumlichung des Mauermantels sowie eine indirekte Lichtführung im Kirchenraum; in den größeren Kirchen wurden die solcherart entstandenen Querräume mit eigenem Altar versehen und dienten als eine Art Kapelle. Ein weiteres Merkmal der Vorarlberger Barockbaumeister ist die Tatsache, dass sie stets dem rechtwinkligen Gefüge des architektonischen Baugrundrisses verbunden blieben; Raumexperimenten mit Kurvierung und Rundungen blieben sie verschlossen. Mit ihren Hauptwerken erreichten sie europäischen Rang, ihre Entwicklungsgeschichte bedeutet ein wichtiges Bindeglied zwischen dem italienischen Barock und dem süddeutschem Rokoko. [4]

Michael Beer wurde 1625 nach dreijähriger Lehrzeit in Poysdorf/NÖ als Maurergeselle freigesprochen. Am 1629 begonnenen Neubau der Poysdorfer Pfarrkirche (vollendet 1635) – sie zeigt große Ähnlichkeit mit dem Kirchenbau in Bludesch - war er wohl beteiligt. Auf Grund des Dreißigjährigen Krieges hatte Beer eine lange Zeit der „Lehr- und Wanderjahre“, bis er 1649/1650 in Kreuzlingen/ Bodensee die Kirche der Augustiner-Chorherren begonnen hatte. Im gleichen Jahr erhielt er vom Stift Weingarten den Auftrag zum Bau der Pfarrkirche in Bludesch, 1651 den Auftrag zum Neubau der Stiftsanlage und Kirche St. Lorenz in Kempten. Diesen ersten großen Bau mußte Beer im Jahr 1654 seinem Graubündner Mitbewerber Johann Serro überlassen. Im weiteren Verlauf der kurzen Schaffenszeit von Michael Beer finden wir seine Handschrift in den Kirchen von Isny, Heiligkreuztal, Friedrichshafen, Schussenried sowie Sigmaringen, Inzigkofen, Rottenmünster, Fischen und Rottenburg; dazu kommen Profanbauten in Isny, Sigmaringen, Haigerloch, Ebersberg und Landshut. Vorarlberger Spuren hat Beer mit der Erweiterung und dem Ausbau des Frauenklosters St. Peter in Bludenz (1656) und der Pfarr- und Wallfahrtskirche auf dem Frauenberg in Rankweil mit der Erweiterung, dem Anbau der Loreto-Gnadenkapelle und der Erhöhung des Runden Turms (1657/58) hinterlassen. Die Pfarrkirche in Bludesch ist das Meisterstück der ersten Wandpfeilerkirche der Bregenzerwälder Barockbaumeister im Bodenseeraum und der einzige Kirchenbau von Michael Beer im Lande Vorarlberg überhaupt. Sie dokumentiert in schlichter und einfacher Weise diesen Übergang in den Barockbau des 17. Jahrhunderts. [5]

So wurde also 1650 die alte baufällige Kirche abgetragen und unter teilweiser Benützung der bestehenden Fundamente neu und größer gebaut. "Im Jänner fieng man an, die alte Kirche abzubrechen und begann dann den Bau der jetzigen Pfarrkirche. Herr Landvogt Rudolph von der Halden leitete und betrieb mit dem größten Eifer dieses Geschäft. Er und die ganze Familie der Halden zeigte dabey sehr große Wohltätigkeit. Unter teilweiser Benützung wurde sie neu und größer gebaut; der Kirchenneubau wurde am 27. August 1651 von Bischof Johannes von Chur geweiht. Sämtliche Bau- und Abbrucharbeiten wurden demnach in nur 19 Monaten durchgezogen". Da diese neue Kirche bedeutend höher als die bisherige war, musste auch der Kirchturm - im folgenden Jahr 1652 - um ein Beträchtliches aufgestockt werden. Das neue „neue Pfarrgotteshaus ist in einem einfachen Style fest, hoch, geräumig u. schön aufgeführt. Es ist gegen 16 Klafter lang, bereits 6 Klafter breit, u. vom Boden bis zur Mitte des Gewölbes, welches ganz aus Tropfsteinen gebaut ist, eben so hoch". [6] Die mit der Außenmauer verbundenen - nicht freistehenden - Pfeiler in rechteckiger Form bestimmen den Innenraum und fügen sich zum einfachen Kreuzgratgewölbe; das ist der Ursprung der ersten Wandpfeilerkirche im gesamten süddeutschen Raum: ein Werk des Bregenzerwälder Baumeisters Michael Beer, ein "ehrenhafter und kunstreicher Meister seiner Zunft". Hier finden wir den Bludescher Tuffstein in seiner besten Verwendungsform wieder.

Natalie Beer (1895 - 1972), Nachfahrin von Michael Beer und Schriftstellerin für Bregenzerwäldergeschichte(n), hat 1964 in ihrem Buch “Jubel der Steine” auch den Werdegang der Bludescher Pfarrkirche beschrieben. Es ist erstaunlich, wie sie darin in weitestgehender historischer Übereinstimmung diese Zeitgeschichte als literarischen Bericht darstellt. So lässt sie Michael Beer sagen: „... seit Poysdorf hat es mich nicht mehr losgelassen ... seither habe ich manche Kirche entworfen – auf dem Papier.“ „Zu Bludesch im Sonnenbergischen wollen sie eine neue Pfarrkirche bauen, auf den Grundmauern der alten. ... Der Landvogt, Freiherr von Halden zu Haldenegg, ist der Stifter.“

Oberhalb der südseitigen Kirchentüre steht das Wappen der Familie Halden; über dem Hauptportal an der Westseite - dem sog. "Vorzeichen" - ist das Wappen der Gemeinde Bludesch dargestellt; es trägt die Inschrift "COMUNITAS BLUDESCHENSIS MDCLI" und besteht in dieser Form somit mehr als 350 Jahre.

Zur Kirche gehört auch die kleine Gruft (Krypta) unter dem Chor der Kirche; sie wurde im Zuge der Bauarbeiten 1651 mit errichtet und diente als Grabstätte für die Halden'sche Familie. Die Inschrift in der Krypta "FUI, NON SUM - ESTIS, NON ERITIS" ist wie ein Vermächtnis Rudolph's von Halden. Es bedeutet "Ich war, bin nicht - Ihr seid, werdet nicht mehr sein" und stellt einen direkten Bezug von der "Kirche im Dorf" zum "Miteinander für Leben und Tod" her. Die Krypta ist nicht zugänglich.

Die Pfarrkirche zum Hl. Jakobus d.Ä. beherbergt die 1804 eingerichtete Bergöntzle-Orgel, deren eigentlicher Erbauer jedoch unbekannt ist. Orgelbaumeister Joseph Bergöntzle (auch unter Birgaentzle oder Bergenzel zu finden) arbeitete 1800 bis 1804 in Vorarlberg; er brachte "auf dem Karrenweg" eine Orgel mit, deren stilistische Merkmale zur Silbermannschule hinweisen; dieses in den Wirren der Französischen Revolution gerettete Orgelkunstwerk sollte hier eine neue Heimat finden. Diese mehrfach in den Nachkriegsjahren restaurierte Barockorgel wurde 1997/1999 von Orgelbaumeister Ferdinand Stemmer / Zumikon ZH in den Urzustand zurückgebaut; sie ist sozusagen das Herzstück der seit 1970/71 laufenden Bludescher Orgelkonzerte.

Weitere Ausführungen zur Wandmalerei, zu den Altären sowie der detaillierten Geschichte der Nikolauskirche sind in einem am Eingang aufgelegten Buch "Denkmäler und Kirchen Bludesch" von Guntram Jussel (€ 20,00) zu entnehmen.
  1. Ulmer, Andreas: Beschreibung des Generalvikariates Vorarlberg, VI. Band Dekanat Sonnenberg I. Teil, Dornbirn 1937, Seite 446
  2. d.h. baufällig, abbruchreif, in: Annalium ecclesiasticorum zu Liber V Ultimus, Matrikenbuch 1628 - 1807, Diözesanarchiv
  3. Jussel, Guntram: Dorfbuch Bludesch, Bludesch 1994, Seite 206 - 210
  4. Näheres in DEHIO 1983, Seite 50/51
  5. Jussel, Guntram: Denkmäler und Kirchen Bludesch, Bludesch 2008, Seite 61 ff.
  6. Häusle-Chronik, Seite 52